Herr F. von der E. – oder wie ich mir die totale Liberalisierung des Strommarktes wünschte

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  • 30. Mai 2008

Der alte Elektroplaner wurde vom Bauherrn davongejagt. Ich war der neue Planer. Hatte sich jemand um den Stromanschluss der Kindertagesstätte gekümmert? Theoretisch ja, praktisch eher nein.

Aber es gäbe ja einen Bebauungsplan, der auch die Erschließung der Kindertagesstätte regelte. Es gab also viel Papier. Alle hatten zugestimmt. Auch Herr F. von der E.

Wer war Herr F. von der E.? Herr F. von der E. war eigentlich ein ganz normaler Mitarbeiter bei einem ganz normalen Energieversorger, der in einem ganz normalen Einfamilienreihenhaus mit seiner normalen Frau und seinen normalen Kindern lebte. Eines Tages hatte er gemerkt, dass er sich wichtig machen konnte. Hier draußen auf dem freien Land war von der Liberalisierung des Strommarktes nichts zu spüren. Yello war weit weg und alle, wirklich alle mussten ihn fragen, wenn sie einen neuen Stromanschluss haben wollten.

Was aber noch viel schöner war, er konnte sich an der Welt rächen für die vielen kleinen Anfeindungen, die ihm als normaler Mitarbeiter bei einem ganz normalen Energieversorger beigebracht wurden waren.

Und da waren noch die vielen Verletzungen, die ihm seine Familie beibrachte. Seine Kinder achteten ihn nicht, obwohl er 1984 auf dem Abschlusszeugnis der Allgemeinbildenden Polytechnischen Oberschule fast alles Einsen hatte. Nur in Sport hatte er eine Zwei. Seine Frau nervte ihn immer, dass er zu wenig im Haushalt mithilft. Das stimmte nun wirklich nicht! Einmal im Monat schaffte er persönlich den Mülleimer raus. Und dann sollte seine Frau doch bitteschön nicht vergessen, dass er jeden Freitag den Einkaufskorb vom mausgrauen VW-Passat-Kombi bis auf den freigeräumten Küchentisch trug.

Dem armen Herrn E. wurde also von der bösen Welt ziemlich übel mitgespielt. Deshalb war er wirklich froh, dass er sich in seinem Job an der Welt rächen konnte. Er traf zwar meistens nicht die, die er eigentlich treffen wollte, aber er traf immerhin jemanden.

Herr F. war auch für den Stromanschluss dieser Kindertagesstätte zuständig. Das Spiel begann.

Wir hatten keine Zeit. Die Straße vor der Kindertagesstätte wurde mit allen Medien neu erschlossen. Ich schickte die Anmeldung für den Stromanschluss kurzentschlossen an die E. Hier landete sie auf dem Tisch von Herrn F. Er frohlockte. Das war nicht nach den Vorschriften. Er konnte auf die böse Welt zurückschlagen. Die böse Welt war leider ich: Ob ich denn nicht weiß, dass solch ein Antrag von einem Elektrofachbetrieb einzureichen sei? Ich weiß es, aber bei vielen Energieversorgern geht es auch anders. Nicht bei Herrn F.

Na gut, ich finde einen Elektriker und bitte ihn aus Zeitgründen den Antrag per Fax einzureichen. Es folgt ein großer (telefonischer) Auftritt von Herrn F.. Architekt, Bauherr und Elektriker werden rundgemacht. Ich bleibe diesmal verschont. Ob sie denn nicht wüssten, dass ein solcher Antrag nur im Original eingereicht werden dürfe?

Wir reichen den Antrag im Original ein. Jetzt muss es doch aber gut sein, oder? Nein, es ist nicht gut. Herr F. setzt ein Schreiben auf:
„…die von Ihnen eingereichte AAN kann wegen fehlender Angaben zum Grundstücksstandort nicht abschließend bearbeitet werden. …“.

Was fehlte? Die Hausnummer fehlte im Antrag. Aber:
1.gab es auf dem Grundstück nur ein einziges Gebäude
2.die Straße hatte noch gar keinen Namen. Der Stadtrat musste ihr erst noch einen Namen geben.

Der Bauherr setzte ein entsprechendes Schreiben auf. War jetzt alles gut?

Nein, Herr F. schrieb auf meine Terminanfrage: “ Die E. ist bemüht, den Anschluss innerhalb von 3 Monaten nach Eingang des unterzeichneten Anschlussvertrages auszuführen.“
Ob sie sich bemüht die E., weiß ich nicht. Bis jetzt ist auf jeden Fall noch kein Hausanschluss da.

Die Straße ist offen, da könnte man doch gleich das Stromkabel mit verlegen, schreibe ich. Herr F. schreibt: „Eigenleistungen des Anschlussnehmers bei der Errichtung des Netzanschlusses bedürfen der gesonderten Vereinbarung mit der E. gemäß §6 Abs. 3 der NAV.“

Ich rufe Herrn F. an, ob schon die Firma für den Hausanschluss feststeht. Herr F. sagt, dass er das nicht mit dem Elektroplaner, sondern nur mit dem Bauherrn klärt….

Und wenn Herr F. nicht gestorben ist, so verhindert er noch heute.

Seit ich Herrn F. kenne, habe ich so Tagträume von der totalen Liberalisierung des Strommarktes und freundlichen Mitarbeitern, die stolz sind, wenn ich gerade bei ihrem Unternehmen einen Stromanschluss beantrage.

Was ist Ihre Meinung?