Die Vergabe der Vergabe der Vergabe – Ein Drama in endlosen Akten

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  • 19. Mai 2006

Hurra, es ist soweit: wir dürfen ausschreiben. Nach 3 Jahren intensiver Planung ist das Projekt nun „ausschreibungsreif“. Die Fördergelder sind genehmigt, der Amtsleiter ist milde gestimmt, die Bevölkerung schreibt frohe Artikel in der Zeitung.
Wir dürfen ausschreiben. Mit Enthusiasmus gehen wir an die Arbeit. Die Ausführungspläne sind so gut wie fertig im Computerbauch. Die Ausschreibung erstellen wir über Nacht und schicken sie hinaus in die Welt. Unzählige Firmen beteiligen sich. Die Angebote kommen zurück. Wir werten sie aus, wieder über Nacht: Anlage 1, Anlage 2, Vergabevermerk, Brutto, Netto, Nachlass, Nebenangebot, Nebenangebot mit Nachlass, Nebenangebot ohne Nachlass, Summe der Wartungskosten, Eventualpositionen Netto, Eventualpositionen Brutto… Der Preisspiegel ist dick wie ein Roman.
Trotzdem bleibt ein Rest Enthusiasmus, denn wir bauen bald. Die Tasche gepackt und die Angebote zurück ins Amt.
Keine Reaktion. 14 Tage Ruhe. Na klar, sie müssen die Aufträge schreiben und nächste Woche geht es los. Gestern war der Spatenstich. Der Oberbürgermeister hat gelächelt. Es geht los. Bestimmt bauen wir bald.
14 Tage Ruhe, und danach ein Anruf. Die Auswertung ist falsch: Die Anlage 1 entspricht nicht Anlage 5. Die Quersumme der Quadrate jedes 3. ungeprüften Angebotes wurde nicht in die richtige Spalte eingetragen. Beim abgegebenen Preisspiegel wurde die Anordnung von Brutto und Netto verwechselt. Die Nettopreise sollen links stehen und die Bruttopreise rechts. Aber noch besser ist es so: beide Ansichten – Brutto links, Netto rechts.
14 Tage ruhte still der See. Nun haben wir 2,5 h Zeit.
Die Mails gehen hin und her. Netto mit Nachlass, Netto mit Nachlass + Brutto auf Eventualpositionen, Alternativpositionen berücksichtigen. Die Bieter alphabetisch ordnen, die Bieter nach dem Geburtsjahr des Geschäftsführers ordnen, die Bieter nach der Postleitzahl ordnen, die Bieter nach der Anzahl der Mitarbeiter ordnen. Und alles wieder zurück ins Amt schaffen. Gleich direkt zur Vergabestelle.
Die letzte Hoffnung auf einer schnellen Erledigung glimmt in den Augen und wird getötet. Sie wissen doch, Anlage 1b muss vor Anlage 3c. Wieso ist Spalte 7 von Anlage 5 auf der Rückseite von Anlage 4 nicht ausgefüllt? Wo ist die dritte Kopie von Anlage 8c? Wieder alles mitnehmen. Wieder zurück ins Büro. Alles ausfüllen. Jetzt haben wir nur 45 Minuten Zeit für die Änderungen. Dann muss alles wieder beim Amt sein.
Das Ergebnis der ganzen Aktion? Das gleiche wie davor. Der gleiche Bieter. Der gleiche Preis. Der gleiche Auftrag.
„Nur“ der Enthusiasmus ist weg. Schade eigentlich.

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